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»Putins Briefkasten«, Marcel Beyer

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Da ich von Marcel Beyers Sprache sehr angetan war, habe ich beschlossen, ein weiteres Buch, „Putins Briefkasten“, von ihm zu lesen. Das Buch ist eine Sammlung seiner unveröffentlichten Erzählungen und Denkbilder, ein Werk über Wahrnehmung und Stil, über das Hören und Schreiben, acht Recherchen, erschienen im Suhrkamp Insel Verlag 2012. Es zählt 219 Seiten.

Nochmal zum Autor, bevor ich näher auf das Buch eingehe: Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen; dieses Studium schloss er 1992 mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker ab. Ab 1989 gab er an der Universität Siegen gemeinsam mit Karl Riha die Reihe Vergessene Autoren der Moderne heraus. Von 1990 bis 1993 arbeitete er als Lektor an der Literaturzeitschrift Konzepte mit; außerdem veröffentlichte er in der Musikzeitschrift Spex. 1996 und 1998 war er Writer in residence am University College London und an der University of Warwick in Coventry. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, danach zog er nach Dresden.

Das Werk, von dem ich zunächst angenommen hatte, dass es sich alleine um die Recherche zu Putins Leben in Dresden dreht, ist eine Ansammlung von Gedanken zum Thema Sprache, Fremdsprache, Heimat und Heimatlosigkeit, die vor allem einen Einblick in Beyers Schriftsteller-Alltag gibt.

Seine Gedanken zum Thema: Wie wichtig ist das „Ich“ in der Literatur?, Wie fremd wird man sich selbst in einer fremden Stadt?, Wer bist du mit einer anderen Sprache? Sind durchaus interessant, wenn auch zum Teil ermüdend. Manche Recherchen habe ich nur halb gelesen, manche überblättert. Etwa die, in der Meyer den Alltag eines Imkers beschreibt, und genau diesen Alltag mit Schriftsteller-Leben vergleicht. Ich finde dieses Buch zu sehr „Ich“-Zentriert, zur sehr auf seine Erlebniswelt beschränkt. Wie gut hätte man einen Imker beschreiben können, wenn man aus den Augen eines Imkers einen Text verfasst? Wie besser hätte ich mir Putins Alltag in Dresden vorstellen können, wenn Beyer noch mehr Fakten literarisch verarbeitet hätte? Denn gerade, um darüber etwas zu erfahren, habe ich das Buch gekauft, und wurde leider bitter enttäuscht. Denn das ganze Werk – zwar sehr schön geschrieben, aber auch das reicht in dem Fall nicht – ist leider nur eine „Schriftstellerwahrnehmung“, die nicht uninteressant ist, aber auch nicht gelesen werden muss.

Fazit: Wer wirklich etwas über Putins Leben in Dresden erfahren will, sollte ein anderes Buch kaufen. Wer gerne Beyer selbst dabei zu sieht, wie er die Welt um sich herum wahrnimmt (durchaus auch interessant) und ein Verlangen nach Sprachexperimenten („Eine Katze die sich in einer Katze versteckt“) hat, dem kann ich „Putins Briefkasten“ empfehlen.

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»The Girls«, Emma Cline

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Zunächst eine Entschuldigung von mir, dass ich erst jetzt zu einem neuen Blogeintrag komme; das Schreiben wie auch alltägliche Pflichten haben mich vom Literaturbloggen abgehalten. Ich versuche natürlich weiterhin, jede Woche ein Buch zu rezensieren, aber schließlich soll das Lesen auch kein Marathon werden 😉

Von »The Girls« habe ich das erste Mal im September erfahren, als ich eine Buchbesprechung auf Deutschlandradio-Kultur hörte. Die Tatsache, dass es sich das Buch über die Hippie-Bewegung in Amerika in den späten Sechzigern dreht, hat mich sofort begeistert; verspüre ich doch seit jeher die Sehnsucht, einmal »Woodstock« erleben zu können. Schnell war also klar, dass ich es lesen müsste. Emma Cline hat für ihr Debüt großartige Kritiken erhalten; der amerikanische Schriftsteller Richard Ford bezeichnete »The Girls« als »einen brillanten und zutiefst überwältigenden Roman«. Ich habe gegenüber dieser Bezeichnung gemischte Gefühle; gehe aber im Folgenden gleich darauf ein, warum. Das Buch ist im Hanser Verlag als Hardcover erschienen und zählt 352 Seiten.

Bevor die Autorin ihren Erstling schrieb, studierte sie an der Columbia University in New York. 1989 im kalifornischen Sonoma geboren, wuchs sie mit sechs Geschwistern auf. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin schreibt sie unter anderem für den New Yorker und für Oprah Windfreys Magazin.

Hauptdarstellerin von »The Girls« ist Evie Boyd, ein unscheinbares, zu wenig geliebtes Mädchen, die sich einer »Hippie-Sekte« anschließt. So wie ich gelesen habe, gab es diese kalifornische Sekte wirklich, Held ihrer war damals Marilyn Manson, verkörpert durch Russell in »The Girls«. Evie, die sich seit jeher nicht geliebt und gesehen fühlt und nur mit ihrer ebenfalls unsichtbaren Freundin Connie trifft, sehnt sich nach Aufmerksamkeit und ist fasziniert von der »Hippie-Sekte«, insbesondere von der schönen und wilden Suzanne. Sie schließt sich ihnen an, und nur knapp wird sie nicht Mittäterin an einem Massenmord (der so auch wirklich von dieser Sekte inszeniert wurde).

Persönlich finde ich den Hype über das Buch zu groß; ja, es ist ein gutes Buch, ganz besonders Evie, ihre Mutter und ihr Vater werden psychologisch großartig porträtiert, so dass man erkennt, was für ein Ausmaß soziale Verwahrlosung annehmen kann. Dagegen sind, finde ich, die eigentlich interessanten anderen Charaktere (Suzanne, Russell) noch viel zu skizzenhaft dargestellt, es wäre schön gewesen, viel mehr über die Geschichte dieser Personen zu erfahren, es hätte zudem auch an Spannung beigetragen. So hat man immer wieder das Gefühl, der Stoff, den man liest, ist ein schwammiger Traum. (Soll vielleicht auch so sein, weil sich Hauptfigur Effi im Buch Jahrzehnte später an das Geschehene erinnert.). Der Geschichte hätte es besser getan, noch einmal überarbeitet zu werden, in dieser Hinsicht wurde viel Potenzial verschenkt.

Das sieht man auch an der Sprache; es ist zwar ein flüssig zu lesendes Werk, keine Frage, aber kein, wie ich finde, besonderer Stil (liegt vielleicht auch an der Übersetzung). Viele nette Metaphern sind dabei, die die Psyche von Effi beschreiben, aber hin und wieder wirkt die ein oder andere auch gewollt.

Positiv an dem Buch ist, das man ein Gefühl dafür bekommt, wie sehr diese Sekte schwache Frauen angezogen hat, die so gierig nach Liebe und Anerkennung suchten, dass sie es nirgendwo gefunden haben. Man hätte diese Sekte aber durch aktivere Handlungen und weniger Beschreibungen (davon gibt es in dem Buch ausreichend viele) dem Leser veranschaulichen können.

Alles in allem kein »Dokumentarbuch«, sondern eher ein schwammiger Traum, der sich aber aufgrund der gut ausgebauten Figur Evie Boyd zu lesen lohnt. Leider habe ich nicht verstanden, warum der Roman aus zwei Ebenen erzählt wird; persönlich, finde ich, müsste es dann auch in der zweiten Ebene eine Spannungskurve geben, leider war das nicht sehr Fall.

Fazit: Man muss »The Girls« nicht gelesen haben; aber es ist ein gutes, wenn auch kein außergewöhnliches Buch.

»Rückkehr nach Reims«, Didier Eribon

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Nachdem ich von dem Buch »Rückkehr nach Reims« im Deutschland-Radio gehört hatte, war mir sofort klar, dass ich es lesen musste. Eribons Roman ist, das kann ich so unterschreiben, »nicht nur ein überwältigendes literarisches Werk und die wichtigste soziologische Arbeit seit Bourdieus Die feinen Unterschiede, es ist auch eines der sehr wenigen Bücher, die eine Revolte entzünden und den Lauf eines Lebens verändern können« (Édouard Louis). Das Buch, dass erst nach – unglaublichen – sieben Jahren in die deutsche Sprache übersetzt wurde und eine große Aufmerksamkeit in den Medien (Tagesspiegel, Süddeutsche, Spiegel) erzielte, hat mich persönlich tief bewegt; dazu aber näheres später. Es ist 238 Seiten lang und 2016 im edition suhrkamp Verlag erscheinen.

Didier Eribon, am 10. Juli 1953 in Reims geboren, studierte Philosophie in Reims und Paris. Er wollte ursprünglich Lehrer werden, scheiterte aber an seiner Doktorarbeit und begann daraufhin, als Journalist zu arbeiten. Heute unterrichtet er als Professor für Soziologie an der Universität Amiens. Außerdem schreibt er regelmäßig im französischen Wochenmagazin Le Nouvel Observateur zu philosophischen und gesellschaftskritischen Fragen.

»Die Rückkehr nach Reims« handelt von der enormen Wirkung von Klassenunterschieden in der Gesellschaft. Eribon, als Arbeiterkind in Reims aufgewachsen, ist der einzige seiner Familie, der das Abitur absolviert und sich im Laufe der Jahre immer mehr von seiner Herkunftsfamilie entfernt. Erst als sein ihm verhasster Vater stirbt, reist Didier Eribon nach langer Zeit in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter betrachtet er alte Fotos und realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt. Er kristallisiert heraus, wie schwer er unter dem Habitus der armen Arbeiterfamilie litt, und beschreibt die Anziehung und die gleichzeitige Verachtung, die die »Hochkultur« der Pariser Gesellschaft in ihm auslösten. Darüber hinaus analysiert er das soziale und intellektuelle Lebens seit den fünfziger Jahren und beantwortet die Frage, wie ein Teil der einst kommunistischen Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist.

Besonders beeindruckt hat mich, wie klar Eribon die Vorhersehbarkeit verschiedener Lebenswege zeichnet. Da ich selbst aus einer Arbeiterfamilie stamme, und, im Gegensatz zu Eribon, Zugang zu Büchern hatte, musste Eribon alles von Grund auf selbst »erlernen«, um seine Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Es ist ein Wunder, dass Eribon dieses Interesse überhaupt entwickelt hat, und wahrscheinlich nur darauf zurückzuführen, dass ihm seine Eltern das Gymnasium ermöglichten. Eribon machte mir nochmals deutlich, wie sehr soziale Schranken Menschen in ihrem Leben determinieren. Außerdem kann man anhand der Lektüre schnell verstehen, wie es möglich ist, dass in ganz Europa rechte Bewegungen überall an Zuspruch gewinnen. Ich habe dieses Buch innerhalb weniger Tage gelesen und kann es nur uneingeschränkt weiterempfehlen; es öffnet wirklich »die Augen«, und ist kaum mehr aus der Hand zu legen.

»Das Menschenfleisch«, Marcel Beyer

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Da ich auch immer sehr an etwas anderer, experimenteller Literatur interessiert bin, bei der es weniger um den Inhalt, sondern mehr um die Sprache geht, habe ich mir das hoch gelobte Debüt von Marcel Beyer, »Das Menschenfleisch«, gekauft. Der Inhalt ist nahezu trivial und lässt sich genau aus der Amazon-Beschreibung übernehmen: »Ein männliches Ich lernt eine weibliche »Du«, »sie«, »K.« kennen, ein Liebesverhältnis entsteht, ein Dritter kommt hinzu, aus Liebe wird Eifersucht. « Das Buch, 1997 im suhrkamp taschenbuch Verlag erschienen, zählt mit Anhang 166 Seiten.

Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen; dieses Studium schloss er 1992 mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker ab. Ab 1989 gab er an der Universität Siegen gemeinsam mit Karl Riha die Reihe Vergessene Autoren der Moderne heraus. Von 1990 bis 1993 arbeitete er als Lektor an der Literaturzeitschrift Konzepte mit; außerdem veröffentlichte er in der Musikzeitschrift Spex. 1996 und 1998 war er Writer in residence am University College London und an der University of Warwick in Coventry. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, danach zog er nach Dresden.

Der Protagonist, ein namenloser Mann, erzählt von den verschiedenen Versuchen, sich einer weiblichen K. anzunähern, in die er sich verliebt hat. Auf verschiedenen Wegen versucht er, K. näher zu kommen, beispielsweise möchte er der Rauch einer Zigarette sein, die sie inhaliert, oder ein Sprachsystem mit ihr entwickeln, das nur sie beide verstehen. Besonders erstaunlich sind Beyers Formulieren, mit denen er diese »besessene Liebe« beschreibt, hier ein eindrucksvolles Beispiel aus meinen Lieblingskapitel, dem fünften; »Der Körper des Körpers des Körpers«: »…aber du triffst doch noch manchmal jemanden in der Stadt auf der Straße auf einmal ein bekanntes Gesicht in der Menge und was tust du dann gehst auf sie zu sprichst du sie an wie ist das berührt ihr einander nein gar nichts sage ich Position 7 der Mann liegt auf dem Rücken die Frau sitzt auf ihn… «

Ohne Punkt und Komma ist diese Buch eine Widmung und Liebeserklärung an die deutsche Sprache, was Beyer auch durch verschiedene Redewendungen erkennen lässt, so zum Beispiel: »Du schmeckst wie deine Sprache. « Eine sehr schöne Aussage lässt sich auch am Ende des Textes finden, wo steht: »Was Kunst ist, wissen sie ebenso gut wie ich, es ist nichts weiter als Rhythmus […], nichts weiter als dokumentierter Sex. «

Leider fehlte mir eine klarere Dramaturgie, als ich das Buch las; ich musste mich zum Teil sehr konzentrieren, am Ball zu bleiben, weil die eigentlich sehr einfache Handlung durch die außergewöhnliche Sprechweise und viele Metaphern zerrissen wird. Es ist ein Buch, aus dem ich mir Stellen herausgeschrieben habe, weil die sprachlich wirklich fantastisch waren, aber gleichzeitig auch ein Werk, dass ich in seinen vollen Umfang nicht nochmals lesen werde. Wer »Das Menschenfleisch« lesen will, sollte intellektuell und sprachlich sehr interessiert sein; denn dieses sehr spezielle Buch glänzt weder durch gut entwickelte Figuren noch durch eine spannende Handlung.

»Die Erfindung des Lebens«, Hanns-Josef Ortheil

Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil

Nachdem ich auf meiner Reise durch die Mongolei begeistert »Die Berlinreise« von Hanns-Josef Ortheil nahezu verschlungen habe, konnte ich nicht lange warten, den hoch gepriesenen Roman »Die Erfindung des Lebens« zu kaufen, sein autobiografisches Werk über die ersten zwei Jahrzehnte seines Daseins. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, dessen erfolgsversprechende Karriere als Pianist überraschend endet, und der, nachdem er in eine tiefe Depression verfällt, sich als Schriftsteller versucht.

Der Autor, geboren am 5. November 1951 in Köln, studierte in Mainz, Göttingen, Paris und Rom Musikwissenschaft, Philosophie, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft. 1999 gründete er den Studiengang »Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus« an der Universität Hildesheim. Neben seiner Lehrtätigkeit ist Ortheil Honorarprofessor der Universität Heidelberg sowie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Neben autobiografischen Romanen veröffentlichte er auch zahlreiche historische sowie auch Liebesromane. »Die Erfindung des Lebens« zählt 592 Seiten, wurde im Luchterhand Literaturverlag veröffentlicht und 2009 als Hardcover und Taschenbuch auf dem Markt gebracht.

Der Protagonist, Ortheil selbst, erzählt als Ich-Erzähler die Entwicklung vom stummen Kind, dass er einst war, bis zum Aufstieg und Fall eines schon gefeierten Pianisten. Die Handlung spielt in Köln und Rom. Er verwendet keine künstliche Dramaturgie, sondern gibt gezielt die Ausschnitte aus seinem Leben wieder, die für den Roman notwendig sind, ohne ausschweifend zu werden. Schön zur Geltung kommen die antagonistischen Kräfte ihn ihm, der stetige Kampf mit sich selbst, sich zu behaupten.

Besonders positiv aufgefallen ist neben der schönen Sprache die gute Darstellung der Persönlichkeiten; Ortheils eigener, sowie auch der seiner zunächst stummen Mutter, eine Bibliothekarin und der seines lebensfrohen Vaters, der als Vermessungsingenieur arbeitet. Sie bilden ein sehr unterschiedliches Liebespaar, das alles dafür tut, um ihren Sohn trotz ihrer dunklen Vergangenheit ein gutes Leben zu ermöglichen und  Auf den fast 600 wird es nicht langweilig; eine Leistung, wenn man den Protagonisten nur bei seinen inneren Konflikten zusehen muss. Negativ kann man wenig sagen. Nur, dass es natürlich einfacher ist, über sich selbst zu schreiben, als über eine fiktive Figur, weil man die eigene Geschichte bereits kennt; der Anspruch liegt hier viel mehr, die eigene Geschichte so darzustellen, dass sie ein breiteres Publikum interessiert. Eine Aufgabe, die der Autor definitiv gemeistert hat.

Das Fazit lautet hier ähnlich, wie dieses von »Am Rand«: wer eine spannungsgeladene Geschichte oder einen Liebesroman erwartet, ist hier fehl am Platz. Stattdessen schenkt uns Ortheil eine literarisch wunderschön verpackte Biografie, die auf keinen Fall nur für ihn selbst steht, sondern die Entwicklung vieler Menschen repräsentiert. Wahrscheinlich ist er gerade wegen dieser »Universalität« so schwer aus der Hand zu legen; es ist schwer, sich nicht mit Ortheil zu identifizieren, ist er doch auch ein Teil unserer selbst. Unbedingte Empfehlung!

»Am Rand«, Hans Platzgumer

 

»Am Rand« stand auf der Longlist für den deutschen Buchpreis 2016. Mein Interesse an dem Buch erweckte eine Lesezeit-Sendung des Deutschlandradio Kultur. Der Autor, Hans Platzgumer, geboren 1969 in Innsbruck, lebt in Bregenz. Er studierte an der Musikhochschule in Wien, absolvierte anschließend ein Filmmusik-Studium in Los Angeles und veröffentlicht in unterschiedlichen Formationen elektronische Musik. Neben Romanen schreibt er Hörspiele, Opern, Theatermusik und Essays. »Am Rand«, erschienen bei Hanser Verlag, zählt 208 Seiten und wurde 2016 als Hardcover auf dem Markt gebracht.

Die Geschichte dreht sich um das Leben des Ich-Erzählers Gerold Ebner, einem einsamen Südtiroler, der auf dem Bocksberg sitzt und auf sein gescheitertes Leben zurückblickt. Der leise Tod gesellschaftlich unbedeutender, geradezu banaler menschlicher Existenzen beschäftigt Ebner von der erste bis zur letzten Seite des Buches, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Protagonist selbst zweimal zum Mörder wird. »Gibt es einen moralisch richtigen Mord?« ist die Frage, die man sich als Leser stellt, wenn man in Platzgumers Geschichte taucht. Eine, wenn auch zunächst skurril erscheinende, äußerst philosophische Frage, die den Leser zum Nachdenken bringt.

Wer sich eine sich rasch entwickelnde Handlung erwartet, wird enttäuscht sein. Weder erfolgt eine Wandlung der Persönlichkeit Gerold Ebners, noch spitzen sich die Ereignisse in dramatischer Weise zu. Es ist vielmehr eine Geschichte einer Figur, die daran scheitert, mit ihrem Randleben zurechtzukommen. Das Buch trumpft nicht mit Spannung, sondern mit einer schönen, emotionalen Sprache, die den Leser ganz in der Welt von Gerold Ebner eintauchen lässt.

Um die Geschichte zu erzählen, verwendet der Autor immer wieder Rückblenden, in denen sich der am Bocksberg sitzende Gerold Ebner an seine Vergangenheit erinnert. Es gibt keine Kapitel, dafür sind alle Abschnitte mit dem japanischen Wort »Hitotsu« beschriftet, was »Ein Stück, ein Teil« bedeutet. Die einzelnen Abschnitte folgen einer Chronologie; diese ist aber nicht unbedingt notwendig, weil die Geschichten, von denen der Ich-Erzähler erzählt, für sich selbst stehen.

Positiv aufgefallen ist Platzgumer vor allem mit seiner melodischen Sprache und seiner Experimentierfreudigkeit, die gut entwickelte Figur des Gerold Ebners zu skizzieren. Negativ zu bemerken ist die fehlende Dramaturgie des Textes, die aber andererseits, wenn man die Geschichte dieser passiven Person erzählt, gleichzeitig bis zu einem gewissen Grad auch notwendig ist. Außerdem beschlich mich oft das Gefühl, Platzgumer kopiere sehr viel seiner eigenen Persönlichkeit in Gerold Ebner hinein, was nicht zuletzt daran lag, dass auch dieser schreiben wollte.

Insgesamt hat mich der Autor mit einer sehr klaren, deutlichen Message zurückgelassen, für die es sich, neben der besonderen Sprache, lohnt, das Werk zu kaufen. Besonders geeignet es für Menschen, die sich für philosophische Fragestellungen interessieren und bereit sind, bestimmte, gefestigte Moralvorstellungen zu hinterfragen.

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