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Zunächst eine Entschuldigung von mir, dass ich erst jetzt zu einem neuen Blogeintrag komme; das Schreiben wie auch alltägliche Pflichten haben mich vom Literaturbloggen abgehalten. Ich versuche natürlich weiterhin, jede Woche ein Buch zu rezensieren, aber schließlich soll das Lesen auch kein Marathon werden 😉

Von »The Girls« habe ich das erste Mal im September erfahren, als ich eine Buchbesprechung auf Deutschlandradio-Kultur hörte. Die Tatsache, dass es sich das Buch über die Hippie-Bewegung in Amerika in den späten Sechzigern dreht, hat mich sofort begeistert; verspüre ich doch seit jeher die Sehnsucht, einmal »Woodstock« erleben zu können. Schnell war also klar, dass ich es lesen müsste. Emma Cline hat für ihr Debüt großartige Kritiken erhalten; der amerikanische Schriftsteller Richard Ford bezeichnete »The Girls« als »einen brillanten und zutiefst überwältigenden Roman«. Ich habe gegenüber dieser Bezeichnung gemischte Gefühle; gehe aber im Folgenden gleich darauf ein, warum. Das Buch ist im Hanser Verlag als Hardcover erschienen und zählt 352 Seiten.

Bevor die Autorin ihren Erstling schrieb, studierte sie an der Columbia University in New York. 1989 im kalifornischen Sonoma geboren, wuchs sie mit sechs Geschwistern auf. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin schreibt sie unter anderem für den New Yorker und für Oprah Windfreys Magazin.

Hauptdarstellerin von »The Girls« ist Evie Boyd, ein unscheinbares, zu wenig geliebtes Mädchen, die sich einer »Hippie-Sekte« anschließt. So wie ich gelesen habe, gab es diese kalifornische Sekte wirklich, Held ihrer war damals Marilyn Manson, verkörpert durch Russell in »The Girls«. Evie, die sich seit jeher nicht geliebt und gesehen fühlt und nur mit ihrer ebenfalls unsichtbaren Freundin Connie trifft, sehnt sich nach Aufmerksamkeit und ist fasziniert von der »Hippie-Sekte«, insbesondere von der schönen und wilden Suzanne. Sie schließt sich ihnen an, und nur knapp wird sie nicht Mittäterin an einem Massenmord (der so auch wirklich von dieser Sekte inszeniert wurde).

Persönlich finde ich den Hype über das Buch zu groß; ja, es ist ein gutes Buch, ganz besonders Evie, ihre Mutter und ihr Vater werden psychologisch großartig porträtiert, so dass man erkennt, was für ein Ausmaß soziale Verwahrlosung annehmen kann. Dagegen sind, finde ich, die eigentlich interessanten anderen Charaktere (Suzanne, Russell) noch viel zu skizzenhaft dargestellt, es wäre schön gewesen, viel mehr über die Geschichte dieser Personen zu erfahren, es hätte zudem auch an Spannung beigetragen. So hat man immer wieder das Gefühl, der Stoff, den man liest, ist ein schwammiger Traum. (Soll vielleicht auch so sein, weil sich Hauptfigur Effi im Buch Jahrzehnte später an das Geschehene erinnert.). Der Geschichte hätte es besser getan, noch einmal überarbeitet zu werden, in dieser Hinsicht wurde viel Potenzial verschenkt.

Das sieht man auch an der Sprache; es ist zwar ein flüssig zu lesendes Werk, keine Frage, aber kein, wie ich finde, besonderer Stil (liegt vielleicht auch an der Übersetzung). Viele nette Metaphern sind dabei, die die Psyche von Effi beschreiben, aber hin und wieder wirkt die ein oder andere auch gewollt.

Positiv an dem Buch ist, das man ein Gefühl dafür bekommt, wie sehr diese Sekte schwache Frauen angezogen hat, die so gierig nach Liebe und Anerkennung suchten, dass sie es nirgendwo gefunden haben. Man hätte diese Sekte aber durch aktivere Handlungen und weniger Beschreibungen (davon gibt es in dem Buch ausreichend viele) dem Leser veranschaulichen können.

Alles in allem kein »Dokumentarbuch«, sondern eher ein schwammiger Traum, der sich aber aufgrund der gut ausgebauten Figur Evie Boyd zu lesen lohnt. Leider habe ich nicht verstanden, warum der Roman aus zwei Ebenen erzählt wird; persönlich, finde ich, müsste es dann auch in der zweiten Ebene eine Spannungskurve geben, leider war das nicht sehr Fall.

Fazit: Man muss »The Girls« nicht gelesen haben; aber es ist ein gutes, wenn auch kein außergewöhnliches Buch.

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