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Nachdem ich von dem Buch »Rückkehr nach Reims« im Deutschland-Radio gehört hatte, war mir sofort klar, dass ich es lesen musste. Eribons Roman ist, das kann ich so unterschreiben, »nicht nur ein überwältigendes literarisches Werk und die wichtigste soziologische Arbeit seit Bourdieus Die feinen Unterschiede, es ist auch eines der sehr wenigen Bücher, die eine Revolte entzünden und den Lauf eines Lebens verändern können« (Édouard Louis). Das Buch, dass erst nach – unglaublichen – sieben Jahren in die deutsche Sprache übersetzt wurde und eine große Aufmerksamkeit in den Medien (Tagesspiegel, Süddeutsche, Spiegel) erzielte, hat mich persönlich tief bewegt; dazu aber näheres später. Es ist 238 Seiten lang und 2016 im edition suhrkamp Verlag erscheinen.

Didier Eribon, am 10. Juli 1953 in Reims geboren, studierte Philosophie in Reims und Paris. Er wollte ursprünglich Lehrer werden, scheiterte aber an seiner Doktorarbeit und begann daraufhin, als Journalist zu arbeiten. Heute unterrichtet er als Professor für Soziologie an der Universität Amiens. Außerdem schreibt er regelmäßig im französischen Wochenmagazin Le Nouvel Observateur zu philosophischen und gesellschaftskritischen Fragen.

»Die Rückkehr nach Reims« handelt von der enormen Wirkung von Klassenunterschieden in der Gesellschaft. Eribon, als Arbeiterkind in Reims aufgewachsen, ist der einzige seiner Familie, der das Abitur absolviert und sich im Laufe der Jahre immer mehr von seiner Herkunftsfamilie entfernt. Erst als sein ihm verhasster Vater stirbt, reist Didier Eribon nach langer Zeit in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter betrachtet er alte Fotos und realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt. Er kristallisiert heraus, wie schwer er unter dem Habitus der armen Arbeiterfamilie litt, und beschreibt die Anziehung und die gleichzeitige Verachtung, die die »Hochkultur« der Pariser Gesellschaft in ihm auslösten. Darüber hinaus analysiert er das soziale und intellektuelle Lebens seit den fünfziger Jahren und beantwortet die Frage, wie ein Teil der einst kommunistischen Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist.

Besonders beeindruckt hat mich, wie klar Eribon die Vorhersehbarkeit verschiedener Lebenswege zeichnet. Da ich selbst aus einer Arbeiterfamilie stamme, und, im Gegensatz zu Eribon, Zugang zu Büchern hatte, musste Eribon alles von Grund auf selbst »erlernen«, um seine Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Es ist ein Wunder, dass Eribon dieses Interesse überhaupt entwickelt hat, und wahrscheinlich nur darauf zurückzuführen, dass ihm seine Eltern das Gymnasium ermöglichten. Eribon machte mir nochmals deutlich, wie sehr soziale Schranken Menschen in ihrem Leben determinieren. Außerdem kann man anhand der Lektüre schnell verstehen, wie es möglich ist, dass in ganz Europa rechte Bewegungen überall an Zuspruch gewinnen. Ich habe dieses Buch innerhalb weniger Tage gelesen und kann es nur uneingeschränkt weiterempfehlen; es öffnet wirklich »die Augen«, und ist kaum mehr aus der Hand zu legen.

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