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Da ich auch immer sehr an etwas anderer, experimenteller Literatur interessiert bin, bei der es weniger um den Inhalt, sondern mehr um die Sprache geht, habe ich mir das hoch gelobte Debüt von Marcel Beyer, »Das Menschenfleisch«, gekauft. Der Inhalt ist nahezu trivial und lässt sich genau aus der Amazon-Beschreibung übernehmen: »Ein männliches Ich lernt eine weibliche »Du«, »sie«, »K.« kennen, ein Liebesverhältnis entsteht, ein Dritter kommt hinzu, aus Liebe wird Eifersucht. « Das Buch, 1997 im suhrkamp taschenbuch Verlag erschienen, zählt mit Anhang 166 Seiten.

Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen; dieses Studium schloss er 1992 mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker ab. Ab 1989 gab er an der Universität Siegen gemeinsam mit Karl Riha die Reihe Vergessene Autoren der Moderne heraus. Von 1990 bis 1993 arbeitete er als Lektor an der Literaturzeitschrift Konzepte mit; außerdem veröffentlichte er in der Musikzeitschrift Spex. 1996 und 1998 war er Writer in residence am University College London und an der University of Warwick in Coventry. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, danach zog er nach Dresden.

Der Protagonist, ein namenloser Mann, erzählt von den verschiedenen Versuchen, sich einer weiblichen K. anzunähern, in die er sich verliebt hat. Auf verschiedenen Wegen versucht er, K. näher zu kommen, beispielsweise möchte er der Rauch einer Zigarette sein, die sie inhaliert, oder ein Sprachsystem mit ihr entwickeln, das nur sie beide verstehen. Besonders erstaunlich sind Beyers Formulieren, mit denen er diese »besessene Liebe« beschreibt, hier ein eindrucksvolles Beispiel aus meinen Lieblingskapitel, dem fünften; »Der Körper des Körpers des Körpers«: »…aber du triffst doch noch manchmal jemanden in der Stadt auf der Straße auf einmal ein bekanntes Gesicht in der Menge und was tust du dann gehst auf sie zu sprichst du sie an wie ist das berührt ihr einander nein gar nichts sage ich Position 7 der Mann liegt auf dem Rücken die Frau sitzt auf ihn… «

Ohne Punkt und Komma ist diese Buch eine Widmung und Liebeserklärung an die deutsche Sprache, was Beyer auch durch verschiedene Redewendungen erkennen lässt, so zum Beispiel: »Du schmeckst wie deine Sprache. « Eine sehr schöne Aussage lässt sich auch am Ende des Textes finden, wo steht: »Was Kunst ist, wissen sie ebenso gut wie ich, es ist nichts weiter als Rhythmus […], nichts weiter als dokumentierter Sex. «

Leider fehlte mir eine klarere Dramaturgie, als ich das Buch las; ich musste mich zum Teil sehr konzentrieren, am Ball zu bleiben, weil die eigentlich sehr einfache Handlung durch die außergewöhnliche Sprechweise und viele Metaphern zerrissen wird. Es ist ein Buch, aus dem ich mir Stellen herausgeschrieben habe, weil die sprachlich wirklich fantastisch waren, aber gleichzeitig auch ein Werk, dass ich in seinen vollen Umfang nicht nochmals lesen werde. Wer »Das Menschenfleisch« lesen will, sollte intellektuell und sprachlich sehr interessiert sein; denn dieses sehr spezielle Buch glänzt weder durch gut entwickelte Figuren noch durch eine spannende Handlung.

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