Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil

Nachdem ich auf meiner Reise durch die Mongolei begeistert »Die Berlinreise« von Hanns-Josef Ortheil nahezu verschlungen habe, konnte ich nicht lange warten, den hoch gepriesenen Roman »Die Erfindung des Lebens« zu kaufen, sein autobiografisches Werk über die ersten zwei Jahrzehnte seines Daseins. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, dessen erfolgsversprechende Karriere als Pianist überraschend endet, und der, nachdem er in eine tiefe Depression verfällt, sich als Schriftsteller versucht.

Der Autor, geboren am 5. November 1951 in Köln, studierte in Mainz, Göttingen, Paris und Rom Musikwissenschaft, Philosophie, Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft. 1999 gründete er den Studiengang »Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus« an der Universität Hildesheim. Neben seiner Lehrtätigkeit ist Ortheil Honorarprofessor der Universität Heidelberg sowie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Neben autobiografischen Romanen veröffentlichte er auch zahlreiche historische sowie auch Liebesromane. »Die Erfindung des Lebens« zählt 592 Seiten, wurde im Luchterhand Literaturverlag veröffentlicht und 2009 als Hardcover und Taschenbuch auf dem Markt gebracht.

Der Protagonist, Ortheil selbst, erzählt als Ich-Erzähler die Entwicklung vom stummen Kind, dass er einst war, bis zum Aufstieg und Fall eines schon gefeierten Pianisten. Die Handlung spielt in Köln und Rom. Er verwendet keine künstliche Dramaturgie, sondern gibt gezielt die Ausschnitte aus seinem Leben wieder, die für den Roman notwendig sind, ohne ausschweifend zu werden. Schön zur Geltung kommen die antagonistischen Kräfte ihn ihm, der stetige Kampf mit sich selbst, sich zu behaupten.

Besonders positiv aufgefallen ist neben der schönen Sprache die gute Darstellung der Persönlichkeiten; Ortheils eigener, sowie auch der seiner zunächst stummen Mutter, eine Bibliothekarin und der seines lebensfrohen Vaters, der als Vermessungsingenieur arbeitet. Sie bilden ein sehr unterschiedliches Liebespaar, das alles dafür tut, um ihren Sohn trotz ihrer dunklen Vergangenheit ein gutes Leben zu ermöglichen und  Auf den fast 600 wird es nicht langweilig; eine Leistung, wenn man den Protagonisten nur bei seinen inneren Konflikten zusehen muss. Negativ kann man wenig sagen. Nur, dass es natürlich einfacher ist, über sich selbst zu schreiben, als über eine fiktive Figur, weil man die eigene Geschichte bereits kennt; der Anspruch liegt hier viel mehr, die eigene Geschichte so darzustellen, dass sie ein breiteres Publikum interessiert. Eine Aufgabe, die der Autor definitiv gemeistert hat.

Das Fazit lautet hier ähnlich, wie dieses von »Am Rand«: wer eine spannungsgeladene Geschichte oder einen Liebesroman erwartet, ist hier fehl am Platz. Stattdessen schenkt uns Ortheil eine literarisch wunderschön verpackte Biografie, die auf keinen Fall nur für ihn selbst steht, sondern die Entwicklung vieler Menschen repräsentiert. Wahrscheinlich ist er gerade wegen dieser »Universalität« so schwer aus der Hand zu legen; es ist schwer, sich nicht mit Ortheil zu identifizieren, ist er doch auch ein Teil unserer selbst. Unbedingte Empfehlung!

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