»Am Rand« stand auf der Longlist für den deutschen Buchpreis 2016. Mein Interesse an dem Buch erweckte eine Lesezeit-Sendung des Deutschlandradio Kultur. Der Autor, Hans Platzgumer, geboren 1969 in Innsbruck, lebt in Bregenz. Er studierte an der Musikhochschule in Wien, absolvierte anschließend ein Filmmusik-Studium in Los Angeles und veröffentlicht in unterschiedlichen Formationen elektronische Musik. Neben Romanen schreibt er Hörspiele, Opern, Theatermusik und Essays. »Am Rand«, erschienen bei Hanser Verlag, zählt 208 Seiten und wurde 2016 als Hardcover auf dem Markt gebracht.

Die Geschichte dreht sich um das Leben des Ich-Erzählers Gerold Ebner, einem einsamen Südtiroler, der auf dem Bocksberg sitzt und auf sein gescheitertes Leben zurückblickt. Der leise Tod gesellschaftlich unbedeutender, geradezu banaler menschlicher Existenzen beschäftigt Ebner von der erste bis zur letzten Seite des Buches, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Protagonist selbst zweimal zum Mörder wird. »Gibt es einen moralisch richtigen Mord?« ist die Frage, die man sich als Leser stellt, wenn man in Platzgumers Geschichte taucht. Eine, wenn auch zunächst skurril erscheinende, äußerst philosophische Frage, die den Leser zum Nachdenken bringt.

Wer sich eine sich rasch entwickelnde Handlung erwartet, wird enttäuscht sein. Weder erfolgt eine Wandlung der Persönlichkeit Gerold Ebners, noch spitzen sich die Ereignisse in dramatischer Weise zu. Es ist vielmehr eine Geschichte einer Figur, die daran scheitert, mit ihrem Randleben zurechtzukommen. Das Buch trumpft nicht mit Spannung, sondern mit einer schönen, emotionalen Sprache, die den Leser ganz in der Welt von Gerold Ebner eintauchen lässt.

Um die Geschichte zu erzählen, verwendet der Autor immer wieder Rückblenden, in denen sich der am Bocksberg sitzende Gerold Ebner an seine Vergangenheit erinnert. Es gibt keine Kapitel, dafür sind alle Abschnitte mit dem japanischen Wort »Hitotsu« beschriftet, was »Ein Stück, ein Teil« bedeutet. Die einzelnen Abschnitte folgen einer Chronologie; diese ist aber nicht unbedingt notwendig, weil die Geschichten, von denen der Ich-Erzähler erzählt, für sich selbst stehen.

Positiv aufgefallen ist Platzgumer vor allem mit seiner melodischen Sprache und seiner Experimentierfreudigkeit, die gut entwickelte Figur des Gerold Ebners zu skizzieren. Negativ zu bemerken ist die fehlende Dramaturgie des Textes, die aber andererseits, wenn man die Geschichte dieser passiven Person erzählt, gleichzeitig bis zu einem gewissen Grad auch notwendig ist. Außerdem beschlich mich oft das Gefühl, Platzgumer kopiere sehr viel seiner eigenen Persönlichkeit in Gerold Ebner hinein, was nicht zuletzt daran lag, dass auch dieser schreiben wollte.

Insgesamt hat mich der Autor mit einer sehr klaren, deutlichen Message zurückgelassen, für die es sich, neben der besonderen Sprache, lohnt, das Werk zu kaufen. Besonders geeignet es für Menschen, die sich für philosophische Fragestellungen interessieren und bereit sind, bestimmte, gefestigte Moralvorstellungen zu hinterfragen.

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